Tag und Nacht im Riff 2016

 

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 02.03.2016

Meeresbiologin Constanze Conrad referierte zum Thema "Tag und Nacht im Riff."

Vortrag: Meeresbiologin Constanze Conrad referierte auf Einladung der Tauchsportfreunde in Rodau

Das Leben im Riff gleicht dem in einer Großstadt Rodau.

CoCo 2016 

Einer der größten Dialoge der Filmgeschichte geht so:

"Wozu ist das? Das ist blaues Licht. Und was macht es?
Es leuchtet blau." Sylvester Stallone alias John Rambo gibt einfache Antworten auf einfache Fragen. In puncto blaues Licht greift die Erklärung Rambos im dritten Teil der Tetralogie allerdings ein wenig zu kurz. Blaues Licht kann deutlich mehr: Es kann ganze Organismen, Fische etwa, zum Leuchten bringen.
Zählt das sogenannte Grün Fluoreszierende Protein (GFP) zu den Bausteinen eines Organismus, können diese, vereinfacht ausge-drückt, durch Anstrahlen mit blauem Licht sichtbar gemacht werden. Bei rund 125 Arten (Fische, Korallen, Krebse) ist GFP bislang nachgewiesen. Was kann man mit einem fluoreszierenden Fisch anfangen? Der Laie wenig, die biologische Forschung viel, wie die Meeresbiologin Constanze Conrad bei einem Vortrag im Rodauer Landgasthof "Zur Post" verdeutlichte.

Conrad, die seit 17 Jahren in der Nähe von Marsa Alam am Roten Meer in Ägypten lebt und arbeitet, referierte zum wiederholten Mal auf Einladung der Tauchsportfreunde Bensheim. Diesmal lautete das Thema: "Tag und Nacht im Riff."

Schichtbetrieb
"Ein Riff ist wie eine Großstadt" sagte Constanze Conrad. Und ebenso wie in einer Großstadt schläft ein Riff fast nie und funktioniert im Schichtbetrieb, erläuterte die Referentin. Die Früh- und Tagschicht übernehmen die tagaktiven Lebewesen, in der Dunkelheit sind die nachaktiven unterwegs. Etwas ruhiger geht es im Riff nur beim Schichtwechsel während der Dämmerung zu. Die Tagaktiven richten sich in dieser Phase in ihrem Schlafquartier ein in einer Spalte oder Höhle im Riff, die Nachaktiven suchen noch den Startknopf. Conrad: "Da ist knapp 20 Minuten lang nichts los."

Alle Riffbewohner, ob tag- oder nachtaktiv, haben spezielle Überlebensstrategien entwickelt, wie Constanze Conrad aufzeigte. Ein Bestandteil dieser Strategie ist Licht. Einige Fische leuchten zum Beispiel des Nachts in bestimmter Weise, für die Forschung dank GFP und blauem Licht sichtbar gemacht, um Fressfeinde abzuschrecken oder Beute anzulocken. Beliebt bei Fischen ist die Tarnfarbe rot. Die Rotfärbung macht nachts unsichtbar. Der Soldatenfisch wendet diese Technik an, um sich (vor Beute und Feinden) zu verbergen. Mit Licht zur Abwehr und Verwirrung von Fressfeinden arbeitet der Laternenfisch, der unter den Augen "Minischweinwerfer" trägt, die er durch das Bewegen der Lider "an- und ausschalten" kann.

Allerdings haben Nachtjäger gleichfalls einen Plan: Sie haben besonders entwickelte Augen (Soldatenfisch) oder spüren ihre Opfer mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn (Muräne) auf oder nehmen ihre Beute mithilfe von elektrischen Schwingungen wahr (Haie). Vor diesen ausgefeilten Nacht-Jagdtechniken bieten wiederum ausgefeilte Gegenmaßnahmen Schutz. Der Clownfisch versteckt sich in einer geschlossenen Anemone, der Papageifisch bastelt sich jeden Abend einen quasi luftdichten Schleimkokon und gibt damit keine Geruchsspur nach außen ab. Andere Fische streifen sich einen perfekt an die Umgebung angepassten "gestreiften Pyjama" (Conrad) über und sind durch diese Schutzfärbung, tags und nachts, schwer zu lokalisieren von ihren Feinden.

Wahnsinnig bunt
Tagsüber schließen sich Gejagte häufig in großen Schwärmen, sogenannten Schulen, zusammen, um allein durch ihre Masse abschreckend auf Jäger zu wirken. Im Schwarm wird dann weg vom Riff ins offene Meer geschwommen und Plankton gefischt.

Klar ist, Arten mit klugen Strategien überleben im Riff. Wie der Vortrag von Constanze Conrad eindrucksvoll verdeutlichte, haben alle Riffbewohner ihre ganz eigene, bis ins Detail ausgefeilte Überlebenstaktik gefunden. Und deshalb ist das Leben im Riff laut Conrad "wahnsinnig bunt".